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Theodor W. Adorno zum 100sten
Man könnte Adorno,
zweifellos das intellektuelle Gravitationszentrum der Kritischen Theorie,
einen der letzten Universalgelehrten nennen,
wenn dieses Wort nicht für höfische Schöngeister aus Zeiten des Absolutismus reserviert wäre.
Der Schöpfer der revolutionären Binsenweisheit,
daß es kein richtiges Leben im Falschen geben kann,
wird immer noch gerne als "Kulturkritiker" verharmlost.
Getreu der marxischen Maxime,
die Kritik sei keine Leidenschaft des Kopfes, sondern der Kopf der Leidenschaften,
ist das Lebenswerk Adornos aus der Nähe betrachtet eine Feier des Menschlichen.
Sein Anliegen war es, das Besondere gegen das Allgemeine zu seinem Recht kommen zu lassen.
Dies hat
entgegen interessierter feuilletonistischer Doktrin
nichts damit zu tun,
die Gewalt des Allgemeinen zu leugnen,
indem sie ideologisch als bloße "Große Erzählung" ausgeblendet wird, wie es der Postmodernismus exemplarisch vorführt,
sondern zielt darauf ab, mit der repressiven Allgemeinheit,
die sich noch immer als weltweiter Kapitalismus darstellt,
real zu brechen.
Neben dem Genialischen,
das darin besteht,
in dieser Absicht
nicht nur die Dialektik Hegels und den Materialismus Marxens, sondern
auch die psychoanalytischen Erkenntnisse eines Freud in einer unerreicht gebliebenen Subtilität weiterentwickelt zu haben,
ist wohl zu allererst Adornos messerscharfe Fähigkeit einzigartig,
vermeintliche Zeitgeist-Phänomene
nicht als solche zu kritisieren, sondern
als Ausfluß längerfristig historisch wirksamer Ideologie zu begreifen.
Und anzugreifen.
Dies wird ihm möglich anhand der orthodoxen Unterscheidung von Wesen und Erscheinung, die heute bezeichnenderweise unmodisch geworden ist.
Und so kommt es, daß die hohle Sprache der Esoteriker, Ökologen, Pädagogen
und anderer erklärter Feinde von Dialektik und Werteverfall
nichts anderes ist als "Jargon der Eigentlichkeit",
den Theodor Adorno bereits Mitte des Jahrhunderts als typische deutsche Ideologie,
als Kryptofaschismus also,
geißelte.
Er entlarvt im "Jargon der Eigentlichkeit" die im vergangenen Jahrhundert zeitgenössische Variante deutscher Ideologie,
die,
mit dem Pathos des Dissidenten und Radikalen,
doch nur auf einen metaphysisch getünchten/aufgeblasenen Positivismus des Mitmachens hinausläuft.
Entgegen der vorschnellen und opportunistischen Pseudokritik ist die Sprache des sympathischen Geistesriesen übrigens nicht "prätentiös", geschweige denn: schöngeistig, sondern den dialektischen Tücken ihres Gegenstands höchst angemessen;
er insistiert darauf, daß die Komplexität eines Satzes die Tiefe des Gedankens widerspiegelt.
Was Albert Einstein einmal über Gandhi gesagt hat, trifft tatsächlich auf Theodor W. Adorno zu:
Nachgeborene werden "es vielleicht kaum glauben können, daß so einer als ein Geschöpf aus Fleisch und Bein wirklich auf dieser Erde gewandelt ist."
Was bleibt, ist die mulmige Vorahnung, daß,
wenn die Menschheit nicht endlich ernsthafte Anstrengungen unternimmt, das Reich der Notwendigkeit,
die Vorgeschichte,
die blinde Konkurrenz
hinter sich zu lassen in Richtung einer herrschaftslosen Gesellschaft,
daß dann die Schriften Adornos -- mehr noch als die eines Marx oder Freud -- auch Jahrhunderte später noch aktuell sein werden.
Wollen wir es nicht hoffen.
Redaktion Sachzwang FM,
am 11. September 2003
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